Die Burg der heiligen Elisabeth

Die Neuenburg und die heilige Elisabeth von Thüringen

Mehr als nur Vergangenheit

Im Jahr 2007 jährte sich der Geburtstag einer der bedeutendsten Frauenpersönlichkeiten des hohen Mittelalters - der heiligen Elisabeth von Thüringen - zum achthundertsten Mal.

Zahlreiche Geschichten, Wunder und Legenden berichten vom aufopferungsvollen und selbstlosen Wirken dieser beeindruckenden Frau, die in atemberaubender Konsequenz freiwillig den Weg von höchster gesellschaftlicher Stellung zur tiefsten Armut wählte. In der Nachfolge Christi widmete sie ihr Leben voll und ganz den Schwächsten der Gesellschaft. Auf der Neuenburg beispielsweise soll sie einen armen und kranken Bettler nicht nur gepflegt, sondern zur Erholung auch in das landgräfliche Bett gelegt haben! Dass sie sich mit ihrem Engagement außerhalb der hochadligen Gesellschaft begab, ja von dieser auch ausgestoßen und verachtet wurde, nahm sie in Kauf, um die „Schwester der Kranken" und „Mutter der Waisen" zu sein.

Für die Jahre 1224/25 ist die Anwesenheit Elisabeths auf der Neuenburg urkundlich belegt. Zu ihren Lebzeiten wurde die bedeutende romanische Doppelkapelle vollendet, die im späten Mittelalter dann auch St. Elisabeth geweiht war.

Die Schutzpatronin der Neuenburg

Thüringens heilige Landgräfin Elisabeth

Im Jahre 1211 reiste eine vornehme thüringische Gesandtschaft nach Ungarn, an den Hof Königs Andreas II.. Beauftragt war sie von Landgraf Hermann von Thüringen mit der feierlichen Einholung der vierjährigen Prinzessin Elisabeth, um sie mit dem Landgrafensohn zu verloben. Der Vorgang war Ergebnis höchster europäischer Politik. Ziel war eine Koalition Hermanns mit dem ihm verwandten König von Böhmen, dem König von Frankreich - der eine Tochter Hermanns heiraten sollte - und dem König von Ungarn und seiner Gemahlin aus dem einflussreichen Haus der Andechs-Meranier. Die Familie Landgraf Hermanns, von Historikern später als die "Ludowinger" bezeichnet, zählte seit der Heirat Landgraf Ludwigs II. mit der Schwester Friedrich Barbarossas zum europäischen Hochadel. Ein steiler Aufstieg in die Reihe der mächtigsten Reichsfürsten hatte sich vollzogen.

Elisabeth war dreizehneinhalb Jahre alt, als sie 1221 mit Ludwig IV., Landgraf von Thüringen, Pfalzgraf von Sachsen und Graf von Hessen, vermählt wurde. Ein Jahr später wurde auf der Creuzburg ihr Sohn Hermann geboren. 1224 und 1227 folgten die Töchter Sophie und Gertrud. Durch den Ausgriff auf die Markgrafschaft Meißen unter Ludwig IV. war seit 1221 die Neuenburg als östlichste der großen Landgrafenburgen in das Zentrum der Politik geraten. 1223 wurde sie Sammelstelle und Ausgangspunkt großer militärischer Operationen, 1224 und 1225 fanden Zusammenkünfte der Familie statt, bei denen bedeutsame politische Entscheidungen getroffen wurden. Die junge Landgräfin Elisabeth war dabei. Sie begleitete ihren Mann, so oft es nur möglich war. Als Reichsfürstin und Hausherrin oblagen ihr Repräsentationspflichten ebenso wie die Fürsorge für Arme und Kranke; sie stimmte Schenkungen und Stiftungen zu und nahm während der häufigen und langen Abwesenheiten ihres Gemahls Regierungsverantwortung wahr. Beispielsweise anlässlich von Reichstagen Kaiser Friedrichs II., zu dessen engsten Beratern und Freunden der tatkräftige und mächtige Landgraf gehörte.

Sehr bald jedoch wichen Haltung und Handlungen Elisabeths deutlich vom Kanon herrscherlicher Pflichten ab. Mit großer Aufgeschlossenheit verfolgte sie die geistigen und religiösen Strömungen ihrer Zeit. Die Bewegung der Frauenfrömmigkeit der Beginen, die außerhalb der Klöster "in der Welt" nach den Evangelien lebten, auf Besitz verzichteten und sich Armen und Kranken zuwandten, beeindruckte Elisabeth nachhaltig. Noch vielmehr geschah dies durch die Armutsbewegung des Franz von Assisi, die von Italien über Frankreich nach Deutschland kommend in fast allen Städten Anhänger fand. Der Bettelorden der Franziskaner praktizierte die Nachfolge Christi in äußerster Armut, verrichtete niedrigste Arbeiten und wandte sich Aussätzigen und anderen Ausgestoßenen der Gesellschaft zu. Elisabeth wünschte, selbst ein Leben wie Franziskus zu führen und dem besitzlosen und gedemütigten Christus nachzufolgen. Zunächst versuchte sie ihre Pflichten als Reichsfürstin gewissenhaft wahrzunehmen und gleichzeitig diesen Vorbildern zu folgen. Ein ungeheueres Spannungsfeld tat sich für sie auf. Mit ihren Dienerinnen spann sie Wolle für die Armen, eine Tätigkeit, die ihrem Stand nicht entsprach und ihr das Unverständnis ihrer höfischen Umgebung eintrug. Sie gab und schenkte in Aufsehen erregendem Maße, wandte sich Aussätzigen zu und pflegte sie. Ihre Zeitgenossen konnten das nicht nachvollziehen, hielten sie für verrückt und verspotteten sie heimlich. Nur die Autorität ihres Mannes, der sie liebte und sogar noch ermutigte, ihren barmherzigen Werken nachzugehen, schützte sie. Aber nach dessen frühem Tod im Jahre 1227 war sie den Anfeindungen des Hofes schutzlos ausgeliefert. Die zwanzigjährige Witwe verließ unter erniedrigenden Umständen mit ihren Kindern Thüringen und durchlitt eine Zeit tiefster Demütigungen.

Nach langen Auseinandersetzungen um ihr Witwengut verzichtete sie auf ihre Kinder und gründete in Marburg ein Hospital. Dort verrichtete sie schwerste Pflegedienste an Kranken und teilte ihr Vermögen mit vollen Händen an die Armen aus. Elisabeth von Thüringen, Königstochter und Reichsfürstin, starb 1231 im Alter von 24 Jahren in selbst gewählter Armut und Askese an Erschöpfung. Bereits vier Jahre später wurde sie in Perugia von Papst Gregor IX. heilig gesprochen. Die Wartburg und die Neuenburg zählen zu den bedeutendsten Gedenkstätten dieser ungewöhnlichen Frau, die mit beispielloser Konsequenz den Schritt aus ihrer fürstlichen Stellung in die bitterste und verachtetste Armut wagte und ihr Leben ganz dem Dienst an ihrem Nächsten in der Nachfolge Christi widmete.

Lindenholzplastik der Heiligen Elisabeth von Thüringen